|
Nur ein weiterer japanischer Begriff oder wesentlich im Budo? Gedanken von T. Haumüller als Ausarbeitung für die Prüfung zum 4. DAN Karate-Do November 2002
Inhalt
|
![]() |
SHU bedeutet, alles zu lernen, genau so wie es der
Lehrer zeigt. Das erfordert viele Jahre Übung, sonst gibt es keine
Basis für die nächste Stufe
|
Auch andere Autoren, vor allem aus dem Karate-Bereich, übernehmen diese
Aussagen fast wörtlich:
Vergleicht man diese drei Aussagen, so lassen sich aber auch zwei
Abweichungen festhalten, die auf den ersten Blick nur wie Zusammenziehungen, Kürzungen
aussehen: Ha völlige Übereinstimmung mit dem Meister Li (!) Übertreffen der bisherigen Lehre und Erschaffen einer eigenen Anschauung über den Weg.
Im weiteren Kontext des oben zitierten Textes verweist Habersetzer
darauf, dass all diese Stufen nichts mit Graduierungen zu tun haben, man kann
sogar „höhere Dan-Grade erringen, ohne daß das etwas anderem als einem glänzenden
Äußeren entspricht“. (7) Die erste Stufe geht über eine Nachahmung nicht hinaus. Die zweite entspricht den
Begriffen „Omote“ (= äußere Lehre) wie auch dem „Okuden“ (= innere Lehre) der japanischen Tradition, im
Okinawanischen als „Soto-Deshi“ (äußerer Schüler) und „Uchi-Deshi“ (innerer Schüler) bezeichnet.
Am Ende der Ha-Stufe überreicht der Meister seinem ehemaligen Schüler das Menkyo-Kaiden, die
Zertifizierung der endgültigen Meisterschaft, die dem nun befreiten Meisterschüler erlaubt, „sich zu
entfernen“ (Li (!)). „Li (!) ist also die endgültige Stufe, der Schritt zur menschlichen Vollkommenheit
im Rahmen der Kampfkunstausbildung“. (8) Hier wird deutlich, dass der vorhin angenommene Widerspruch zwischen den beiden
Ebenen nur ein scheinbarer ist, denn Habersetzer belegt, dass die letzte Stufe die Meisterung der Technik wie auch
des Geistes, oder besser gesagt „die Befreiung“ der Technik und des Geistes bedeutet. Unterschiedlich aber ist die
Sichtweise der vorher zitierten Autoren und der von Habersetzer in einem für das Budo wichtigen Punkt:
nicht der Schüler vollzieht die Trennung oder Befreiung, sondern der Meister selbst! Hier aber auf die Beziehung
Schüler-Meister einzugehen, würde den Rahmen der Arbeit sprengen. Natürlich verwendet die moderne (westliche) Pädagogik nicht die alten japanischen Bezeichnungen, aber auffällige Ähnlichkeiten lassen sich dennoch feststellen: In der Sportwissenschaft gibt man den Fortschritt in einer Sportdisziplin in folgenden Stufen an:
Interessant dabei ist vor allem die letzte Stufe, denn „Trainieren“ stammt vom
englischen „to train“ ab, was „erziehen“, also eine geistige
Eigenschaft, bedeutet. (9) „Lernen“ und „üben“ dagegen bezeichnen motorische Fähigkeiten. Die
Psychologie unterscheidet drei Lernarten: die psychomotorische (Motorik), die
affektive (Gefühlsbetontheit) und die kognitive (Wissen und Erkennen).
Entwicklungsfaktoren in der sog. Reifungstheorie werden als Lernen, Umwelt,
Reifung bezeichnet. (10) Piaget unterscheidet drei Hauptphasen der Entwicklung eines Kindes:
voroperatorisch-anschaulich (unkritisch), konkret-operatorisch (Denken löst
sich allmählich aus der Handlungsgebundenheit), formal-operatorisch (der Mensch
ist fähig zu Schlussfolgerungen). (11) Kompetenzen zur Meisterung des eigenen Lebens werden in eine Sach-,
eine Sozial- und eine Selbstkompetenz unterteilt. (12) Im Schulalltag lässt sich eine Dreiteilung finden (nach der
Kultusministerkonferenz): Wiedergabe des Gelernten – Selbständiges Erklären ... – Urteilen (...) und
Alternativen entwickeln. (13) Das Prinzip des Shu-Ha-Ri findet sich also in der menschlichen
Entwicklung wieder, ist von daher ein natürliches und mit der Natur im Einklang
stehendes Prinzip des Seins. Der japanische Begriff ist daher alles andere als
ein veraltetes Wort oder ein mystisches Denkgebilde, es ist und war ein modernes
Erziehungsprinzip, angewandt auf die Budokünste.
Wie im letzten
Kapitel bewiesen, geht der Begriff des Shu-Ha-Ri von der menschlichen Entwicklung aus und
ist ein sehr moderner, auch im Westteil der Erde verwendeter Erziehungsbegriff,
also nicht nur ein „weiterer japanischer Begriff“. Insgesamt blieb ich aber
bis hierher eine Frage schuldig: Ist der Begriff wesentlich für das Budo? Er
ist wesentlich für die Entwicklung des Menschen im Budo, denn diese folgt im
Grunde der menschlichen Entwicklung allgemein, aus dem Kind wird ein
Erwachsener, aus dem Schüler ein Meister. Wichtig aber erscheint ein Gedanke
Habersetzers, dass nämlich diese Entwicklung nicht zwangsweise bei jedem
eintritt, der sich im Budo übt, sondern dass (wie auch Pflüger anmerkt) sie
bei manchem ausbleiben oder vielleicht sogar zu früh, ohne die Überwindung der
zweiten Stufe, stattfinden kann. Wesentlich ist der Begriff daher auf jeden Fall
in der japanischen Tradition, da das Verhältnis Schüler-Lehrer nicht unbedingt
Voraussetzung des Shu, unbedingt aber der beiden letzten Stufen, des „Ha“
und „Ri“ ist. Der Lehrer zeigt dem Schüler den Weg und lässt ihn dann
selbst das Wegende erforschen, gibt ihn frei, was zu einer Weiterentwicklung der
Budokünste allgemein beiträgt, was auch die vielen Neuentwicklungen beweisen,
die aber alle auf dem jeweils übertragenen Weg basieren. Hier scheint ein
Widerspruch mit der sprichwörtlichen Treue zum Meister zu bestehen, den zu lösen
aber diese Arbeit nicht gedacht ist. Nur soviel: Pflüger hat mit seiner
Definition von „Ha“ nicht recht, „die Ketten der Tradition zu brechen“
ist nicht Voraussetzung für eine eigene Entwicklung! Funakoshi beispielsweise
wollte den Fortschritt der Künste und des Schülers, denn er gab als
zwanzigste Regel zu Papier: „Denke immer nach und versuche dich ständig an
Neuem“ (14), gleichzeitig aber schrieb er nieder: „ Nach Altem forschen heißt, das Neue zu
verstehen. (15)“ Hier schließt sich auch der Kreis: der ehemalige Schüler wird nun selbst zum
Meister, der seinen Schülern den Weg vor- und sie irgendwann freigibt. Albrecht Pflüger: 25 Shotokan Katas, Falken Verlag, 1993 Robinson u.a.: Bildungsreform als Revision des Curriculum, 2. Aufl. Neuwied, 19969 in Joachim Rohlfes: Geschichte und ihre Didaktik, Göttingen 1986 Heiko Bittmann: Karatedo- der Weg der leeren Hand, Ludwigsburg 2000 Roland Habersetzer: Karate für Meister, Berlin 1994 Schlatt: Shotokan no Hyakkajiten, Enzyklopädie japanischer Fachausdrücke in der Karatestilrichtung Shotokan, Lauda 1995 Schülerduden: Der Sport, Mannheim 1987 Werner Lind: Das Lexikon der Kampfkünste, Berlin 1999 (1) Heiko Bittmann: Karatedo- der Weg der leeren Hand, Ludwigsburg 2000 (2) 25 Shotokan Katas, Albrecht Pflüger, Falken Verlag, 1993 (3) http://www.karateverband-niedersachsen.de/wado_ryu.htm (4) http://www.karate-do.de/htdocs/ger/frames.html (5) Schlatt: Shotokan no Hyakkajiten, Enzyklopädie japanischer Fachausdrücke in der Karatestilrichtung Shotokan , Lauda 1995 (6) Roland Habersetzer: Karate für Meister, Berlin 1994, S. 14 f (7) ebda. (8) ebda., S. 15 (9) Schülerduden: Der Sport, Mannheim 1987 (10) Joachim Rohlfes: Geschichte und ihre Didaktik, Göttingen 1986 (11) ebda., S, 162 f. (12) ebda., S. 210 (Theorie von Hug) (13) Robinson u.a.: Bildungsreform als Revision des Curriculum, 2. Aufl. Neuwied, 19969 in Joachim Rohlfes: Geschichte und ihre Didaktik, Göttingen 1986, S. 120. (14) Schlatt: Shotokan no Hyakkajiten, Enzyklopädie japanischer Fachausdrücke in der Karatestilrichtung Shotokan , Lauda 1995, S. 107. (15) ebda., S. 84. |
| Zurück zu "Ausarbeitungen unserer Mitglieder" |