Shu-Ha-Ri
Nur ein weiterer japanischer Begriff
oder
wesentlich im Budo?


Gedanken von T. Haumüller


als Ausarbeitung für die Prüfung zum 4. DAN Karate-Do November 2002



Inhalt

-Shu-Ha-Ri im Kontext der Tradition des Budo

-Shu-Ha-Ri in der heutigen, westlichen (Sport-)Pädagogik?

-Zusammenfassung

-Literatur und Anmerkungen



1. Shu-Ha-Ri im Kontext der Tradition des Budo

In wörtlicher Übersetzung bedeuten die Zeichen

Shu: Bewahren

Ha: Duchbrechen

Ri: Loslösen.

Diese Dreistufung des Lernens soll auf Kawakami Fuhaku (1719 – 1807) zurückgehen.(1) Doch kann die reine Übersetzung nur einen kleinen Teil der Bedeutung, kaum jedoch den philosophischen und für den Budobereich wichtigeren, tieferen Sinn wiedergeben.

Nach Albrecht Pflüger (1993) (2) bedeutet Shu-Ha-Ri:

SHU bedeutet, alles zu lernen, genau so wie es der Lehrer zeigt. Das erfordert viele Jahre Übung, sonst gibt es keine Basis für die nächste Stufe



HA bedeutet, die Ketten der Tradition zu brechen, seine eigene Entwicklung zu suchen. Das beginnen viele viel zu früh, weil sie sich falsch einschätzen.



RI bedeutet, sich von all dem Bisherigen zu entfernen und einen übergeordneten Standpunkt finden.

Auch andere Autoren, vor allem aus dem Karate-Bereich, übernehmen diese Aussagen fast wörtlich:

„1. Lernen 2. Abweichen 3. Sich entfernen

.....zunächst muß man versuchen, alles zu behalten, was der Lehrer beizubringen versucht. Dazu gehört z. B. die korrekte Technik. Erst wenn diese vollständig gelungen ist, ist es möglich, allmählich zu versuchen, darüber hinaus zu gehen. Um Möglichkeiten zu finden, sich selbst zu entwickeln, um sich schließlich von seinen früheren Erfahrungen zu entfernen. Dies ist der Fortschritt im Karate – Leben und zugleich seine Philosophie...“ (3)

oder kürzer:

“Shu-Ha-Ri - Die drei Wegstufen vom Schüler zum Meister“ (4)


Vergleicht man diese drei Aussagen, so lassen sich aber auch zwei Abweichungen festhalten, die auf den ersten Blick nur wie Zusammenziehungen, Kürzungen aussehen:

-Pflüger interpretiert das 1. Prinzip noch als Schüler-Prinzip, da er auf die vielen Jahre der Übung verweist. Korrekte Technik, also das Erlernen der Basis, steht im zweiten Zitat im Vordergrund, während im dritten keine Zuordnung zu finden ist.

-Das zweite Zitat weist der zweiten Stufe „Ha“ bereits das Ende der Lehrer-Schüler-Beziehung zu, während im dritten Zitat der Sprung zum Meister noch nicht vollzogen ist. „Ri“ wird im letzten Zitat gleichgesetzt mit „Meister“, die beiden anderen Zitate definieren „Ha“ bereits mit „Meister“, denn nur ein solcher kann „die Ketten der Tradition brechen“.


In einem ganz anderen Sinne definiert Schlatt (5) die Begriffe, dies aber in Anlehnung an die altjapanische Fechtkunst:

SHU Oberflächliches Erlernen mit Spontaneität

HA Auseinandersetzen mit der Problematik unter beharrlichem Üben und Aufgabe der Spontaneität

RI Meisterhafter Umgang mit der Problematik und Spontaneität auf höherem Niveau


Hier wird das „Shu-Ha-Ri“ also mehr auf eine spezielle Thematik bezogen, auf das Meistern einer Problematik im Sinne beispielsweise einer Technik. Schlatt folgt damit mehr dem modernen Begriff der Pädagogik (siehe nächstes Kapitel).


Es scheint also dieses Prinzip in zwei Ebenen zu geben, auf einer intrinsischen und einer extrinsischen:

Ebene 1: Auseinandersetzung mit sich selbst auf der Ebene des Technikerlernens und –meisterns (intrinsisch)

Ebene 2: Auseinandersetzung mit sich selbst, den Lehrern und schließlich das Finden des „eigenen Weges“ im Sinne eines Verlassens (extrinsisch).


Was also bedeutet Shu-Ha-Ri nun letztendlich im Sinne der Tradition?

Roland Habersetzer (6), mit Sicherheit einer der besten Kenner des Budo, beschreibt Shu-Ha-Li (!) so:

Shu die äußerliche Nachahmung der Technik des Meisters

Ha völlige Übereinstimmung mit dem Meister

Li (!) Übertreffen der bisherigen Lehre und Erschaffen einer eigenen Anschauung über den Weg.


Im weiteren Kontext des oben zitierten Textes verweist Habersetzer darauf, dass all diese Stufen nichts mit Graduierungen zu tun haben, man kann sogar „höhere Dan-Grade erringen, ohne daß das etwas anderem als einem glänzenden Äußeren entspricht“. (7) Die erste Stufe geht über eine Nachahmung nicht hinaus. Die zweite entspricht den Begriffen „Omote“ (= äußere Lehre) wie auch dem „Okuden“ (= innere Lehre) der japanischen Tradition, im Okinawanischen als „Soto-Deshi“ (äußerer Schüler) und „Uchi-Deshi“ (innerer Schüler) bezeichnet. Am Ende der Ha-Stufe überreicht der Meister seinem ehemaligen Schüler das Menkyo-Kaiden, die Zertifizierung der endgültigen Meisterschaft, die dem nun befreiten Meisterschüler erlaubt, „sich zu entfernen“ (Li (!)). „Li (!) ist also die endgültige Stufe, der Schritt zur menschlichen Vollkommenheit im Rahmen der Kampfkunstausbildung“. (8) Hier wird deutlich, dass der vorhin angenommene Widerspruch zwischen den beiden Ebenen nur ein scheinbarer ist, denn Habersetzer belegt, dass die letzte Stufe die Meisterung der Technik wie auch des Geistes, oder besser gesagt „die Befreiung“ der Technik und des Geistes bedeutet. Unterschiedlich aber ist die Sichtweise der vorher zitierten Autoren und der von Habersetzer in einem für das Budo wichtigen Punkt: nicht der Schüler vollzieht die Trennung oder Befreiung, sondern der Meister selbst! Hier aber auf die Beziehung Schüler-Meister einzugehen, würde den Rahmen der Arbeit sprengen.


2. „Shu-Ha-Ri“ in der heutigen, westlichen (Sport-)Pädagogik?

Natürlich verwendet die moderne (westliche) Pädagogik nicht die alten japanischen Bezeichnungen, aber auffällige Ähnlichkeiten lassen sich dennoch feststellen:

In der Sportwissenschaft gibt man den Fortschritt in einer Sportdisziplin in folgenden Stufen an:

Lernen - Üben – Trainieren.


Interessant dabei ist vor allem die letzte Stufe, denn „Trainieren“ stammt vom englischen „to train“ ab, was „erziehen“, also eine geistige Eigenschaft, bedeutet. (9) „Lernen“ und „üben“ dagegen bezeichnen motorische Fähigkeiten. Die Psychologie unterscheidet drei Lernarten: die psychomotorische (Motorik), die affektive (Gefühlsbetontheit) und die kognitive (Wissen und Erkennen). Entwicklungsfaktoren in der sog. Reifungstheorie werden als Lernen, Umwelt, Reifung bezeichnet. (10) Piaget unterscheidet drei Hauptphasen der Entwicklung eines Kindes: voroperatorisch-anschaulich (unkritisch), konkret-operatorisch (Denken löst sich allmählich aus der Handlungsgebundenheit), formal-operatorisch (der Mensch ist fähig zu Schlussfolgerungen). (11) Kompetenzen zur Meisterung des eigenen Lebens werden in eine Sach-, eine Sozial- und eine Selbstkompetenz unterteilt. (12) Im Schulalltag lässt sich eine Dreiteilung finden (nach der Kultusministerkonferenz): Wiedergabe des Gelernten – Selbständiges Erklären ... – Urteilen (...) und Alternativen entwickeln. (13) Das Prinzip des Shu-Ha-Ri findet sich also in der menschlichen Entwicklung wieder, ist von daher ein natürliches und mit der Natur im Einklang stehendes Prinzip des Seins. Der japanische Begriff ist daher alles andere als ein veraltetes Wort oder ein mystisches Denkgebilde, es ist und war ein modernes Erziehungsprinzip, angewandt auf die Budokünste.


3. Zusammenfassung

Wie im letzten Kapitel bewiesen, geht der Begriff des Shu-Ha-Ri von der menschlichen Entwicklung aus und ist ein sehr moderner, auch im Westteil der Erde verwendeter Erziehungsbegriff, also nicht nur ein „weiterer japanischer Begriff“. Insgesamt blieb ich aber bis hierher eine Frage schuldig: Ist der Begriff wesentlich für das Budo? Er ist wesentlich für die Entwicklung des Menschen im Budo, denn diese folgt im Grunde der menschlichen Entwicklung allgemein, aus dem Kind wird ein Erwachsener, aus dem Schüler ein Meister. Wichtig aber erscheint ein Gedanke Habersetzers, dass nämlich diese Entwicklung nicht zwangsweise bei jedem eintritt, der sich im Budo übt, sondern dass (wie auch Pflüger anmerkt) sie bei manchem ausbleiben oder vielleicht sogar zu früh, ohne die Überwindung der zweiten Stufe, stattfinden kann. Wesentlich ist der Begriff daher auf jeden Fall in der japanischen Tradition, da das Verhältnis Schüler-Lehrer nicht unbedingt Voraussetzung des Shu, unbedingt aber der beiden letzten Stufen, des „Ha“ und „Ri“ ist. Der Lehrer zeigt dem Schüler den Weg und lässt ihn dann selbst das Wegende erforschen, gibt ihn frei, was zu einer Weiterentwicklung der Budokünste allgemein beiträgt, was auch die vielen Neuentwicklungen beweisen, die aber alle auf dem jeweils übertragenen Weg basieren. Hier scheint ein Widerspruch mit der sprichwörtlichen Treue zum Meister zu bestehen, den zu lösen aber diese Arbeit nicht gedacht ist. Nur soviel: Pflüger hat mit seiner Definition von „Ha“ nicht recht, „die Ketten der Tradition zu brechen“ ist nicht Voraussetzung für eine eigene Entwicklung! Funakoshi beispielsweise wollte den Fortschritt der Künste und des Schülers, denn er gab als zwanzigste Regel zu Papier: „Denke immer nach und versuche dich ständig an Neuem“ (14), gleichzeitig aber schrieb er nieder: „ Nach Altem forschen heißt, das Neue zu verstehen. (15)“ Hier schließt sich auch der Kreis: der ehemalige Schüler wird nun selbst zum Meister, der seinen Schülern den Weg vor- und sie irgendwann freigibt.


Shu-Ha-Ri ist damit die Essenz der Weiterentwicklung des Budo und die seiner Anhänger.



4. Literatur und Anmerkungen

Albrecht Pflüger: 25 Shotokan Katas, Falken Verlag, 1993
Robinson u.a.: Bildungsreform als Revision des Curriculum, 2. Aufl. Neuwied, 19969 in Joachim Rohlfes: Geschichte und ihre Didaktik, Göttingen 1986
Heiko Bittmann: Karatedo- der Weg der leeren Hand, Ludwigsburg 2000
Roland Habersetzer: Karate für Meister, Berlin 1994
Schlatt: Shotokan no Hyakkajiten, Enzyklopädie japanischer Fachausdrücke in der Karatestilrichtung Shotokan, Lauda 1995
Schülerduden: Der Sport, Mannheim 1987
Werner Lind: Das Lexikon der Kampfkünste, Berlin 1999



(1) Heiko Bittmann: Karatedo- der Weg der leeren Hand, Ludwigsburg 2000
(2) 25 Shotokan Katas, Albrecht Pflüger, Falken Verlag, 1993
(3) http://www.karateverband-niedersachsen.de/wado_ryu.htm
(4) http://www.karate-do.de/htdocs/ger/frames.html
(5) Schlatt: Shotokan no Hyakkajiten, Enzyklopädie japanischer Fachausdrücke in der Karatestilrichtung Shotokan , Lauda 1995
(6) Roland Habersetzer: Karate für Meister, Berlin 1994, S. 14 f
(7) ebda.
(8) ebda., S. 15
(9) Schülerduden: Der Sport, Mannheim 1987
(10) Joachim Rohlfes: Geschichte und ihre Didaktik, Göttingen 1986
(11) ebda., S, 162 f.
(12) ebda., S. 210 (Theorie von Hug)
(13) Robinson u.a.: Bildungsreform als Revision des Curriculum, 2. Aufl. Neuwied, 19969 in Joachim Rohlfes: Geschichte und ihre Didaktik, Göttingen 1986, S. 120.
(14) Schlatt: Shotokan no Hyakkajiten, Enzyklopädie japanischer Fachausdrücke in der Karatestilrichtung Shotokan , Lauda 1995, S. 107.
(15) ebda., S. 84.



Zurück zu "Ausarbeitungen unserer Mitglieder"