Bubishi
Die Bibel der Künste der "leeren Hand"


von Thomas Heß


als Ausarbeitung für die Prüfung zum 1. DAN Karate-Do Mai 2003



Vorwort

Als ich das Thema erfuhr, worüber ich meine Facharbeit zur Prüfung zum 1. Dan Karate-Do schreiben sollte war ich im ersten Moment etwas perplex. Ich konnte mir nicht vorstellen, darüber großartig viel schreiben zu können, zumal ich mich bisher noch nicht mit dem Bubishi befasst habe.

Je mehr ich mich aber in meine Aufgabe vertiefte, desto interessanter wurde sie für mich! Durch diese Arbeit konnte ich mein Wissen über die historischen und philosophischen Hintergründe des Karate-Do vertiefen.


INHALT:

I. Entstehung des Bubishi
II. Zwei Formen des Bubishi
III. Welchen Einfluss hatte das Bubishi auf die frühen Karatemeister
IV. Verschiedene Versionen und Übersetzungen des Bubishi
V. Verschiedene Interpretationen des Bubishi
VI. Schlusswort


I. Entstehung des Bubishi


Das Bubishi ist ein altes chinesisches Schriftstück dessen Autor unbekannt ist. Das Werk gilt als Ursprung der Kampfkunstphilosophie und als eine der wichtigsten Quellen des Karate in Okinawa.

Es behandelt mehrere chinesische Stile. Wörtlich übersetzt heißt Bu "Krieger", Bi "Wissen" und Shi "Geist". Die Geschichtsforscher betrachten dieses lange Zeit geheimgehaltene Dokument als die erste dokumentierte Beeinflussung des okinawanischen Tode durch das chinesische Quanfa. Alle okinawanischen Kampfkunststile lassen sich auf das Bubishi zurückführen.

Man vermutet, daß das Werk im 14. Jahrhundert mit einer der 36 Familien die damals aus China ausgewandert waren auf die Insel gelangte und in einem Tempel im chinesischen Quartier in Naha, der heutigen Hauptstadt von Okinawa, aufbewahrt wurde. Eine andere Theorie geht davon aus, daß das Werk erst im 19. Jahrhundert nach Okinawa gelangte.


Der Text des Bubishi scheint die Wiedergabe persönlicher Aufzeichungen einer oder mehrerer Personen zu enthalten. Das Werk umfasst 32 Kapitel, in denen alle wichtigen Angaben zum südchinesischen Stil des "Weissen Kranichs" (jap. Hakutsuru-Ken) aufgezeichnet sind. Die Legenden von der Entstehung des Stils, Angaben zur korrekten Lebensführung, Anatomiegrafiken mit Angaben von besonders empfindlichen Körperstellen und Heilmethoden der chinesischen Kräutermedizin bilden zusammen eine Art geheimgehaltenes Handbuch für den Trainierenden. Besonders interessant ist der Bildteil mit 48 Zeichnungen von Selbstverteidigungsmöglichkeiten gegen einen Angreifer.



II. Zwei Formen des Bubishi


In der chinesichen Provinz Fukien gibt es zwei verschiedene Originale des Bubishi, die in verschiedenen Epochen und unterschiedlichem Umfang nach Okinawa gelangten. Die heutigen Studien beziehen sich auf das zweite Dokument. Das erste Dokument ist ein wahres Monument, das 1621 während der Ming-Dynastie von MAO YUAN YI veröffentlicht wurde. Nach 15jährigem Studium realisierte der Autor dieses Dokuments eine Synthese seiner Erfahrungen, die die Kunst des Krieges beschreibt. Die Studie bezieht sich sowohl auf Taktiken der Armee als auch auf den Einzelkampf. Das Buch enthält Strategien, Manöver, Karten, Techniken des Einzelkampfes mit und ohne Waffen in 240 Kapiteln. In Bezug auf den Kampf mit und ohne Waffen enthält es die 32 Kampfpositionen, von denen 16 mit Partner dargestellt werden. Dieselben Techniken erscheinen, wenn auch viel zahlreicher, im zweiten Bubishi, was auf eine Verwandtschaft hinweist.

Das erste Dokument ist bis heute geheim, nur Militärs von hohem Rang und Mitglieder der Regierung haben Zugang dazu. Das zweite Bubishi bezieht sich hauptsächlich auf den Stil des "weißen Kranichs" aus dem Dorf Yong-chun in der Provinz Fukien. Es scheint ein örtliches Produkt zu sein, versehen mit Wissen aus verschiedenen nördlichen Shaolinquellen. Die teilweise ungenauen Nachzeichnungen und einige darauffolgende zweifelhafte übersetzungen des Originals verlangen vom Leser ein fundiertes eigenes Wissen über die Kampfkünste.

Zur Zeit gibt es kein authentisches Bubishi, aber es gibt einige verschiedene Kopien dieses Werkes, aufgrund der Tatsache, daß es ursprünglich von den frühen Karatepionieren selbst abgeschrieben und kopiert wurde.



III. Welchen Einfluss hatte das Bubishi auf die frühen Kartatemeister?


Man nimmt an, daß alle Lehrer in Okinawa ihre eigene Kopie des Bubishi besaßen. Es besteht keine Kenntnis darüber, wer ein oder wer kein Bubishi hatte. Fest steht jedoch, daß Miyagi Chojun, Mabuni Kenwa und Funakoshi Gichin sich von diesem Text beeinflussen ließen.

Sieht man nun nach Okinawa, ergeben sich einige Möglichkeiten von selbst:
1. Es kann eine direkte Weitergabe der ursprünglichen Unterweisungen an einen Kampfstil in Okinawa geben.
2. Die Lehrer von Okinawa könnten das Bubishi direkt benutzt haben, um den Stil, den sie entwickelten, herauszustellen.
3. Die Lehrer von Okinawa haben das Bubishi indirekt benutzt, um den Kernpunkt ihres Stils zu schaffen, den sie entwickelten.
4. Abgesehen von den Leitsätzen des Bubishi, mögen die Lehrer von Okinawa einige praktische Anwendungen aus den Texten des Bubishi gefunden haben.

Die einzigen offensichtlichen Anhaltspunkte sind: 1. Das Bubishi hat Miyagi Chojun bei der Wahl des Namens Goju (dt. Hart-Weich) für seinen Stil beeinflußt. *
2. Es wird berichtet, daß viele der alten Sensei des Goju-Ryu dieses Buch verehrten.
3. Funakoshi Gichin nahm einige Kapitel des Bubishi in sein Buch" Karate Do Kyohan" auf. Den "Code des Karate" übersetzte er, den 2. Teil ließ er in Altchinesisch stehen.
4. Shimabukuru Tatsuo übernahm den "Code des Karate" bei der Entwicklung seines Isshin Ryu Karate-Do.
5. Motobu Chotoku übernahm offensichtlich ähnliche medizinische Informationen in sein Buch über Karate.

*
Im Stil des "Weissen Kranich" spielen Techniken, die mit der offenen Hand ausgeführt werden, eine zentrale Rolle. Sie haben einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Handtechniken und Katas des Goju-Ryu ausgeübt. Man nimmt an, daß Miyagi die Kata "Tensho" unter dem direkten Einbezug der Handstellungen, wie sie im Bubishi aufgezeichnet sind, entwickelt hat.



IV. Es gibt verschiedene Versionen und übersetzungen des Bubishi

Wie schon gesagt, ist das Original in alter chinesicher Sprache verfaßt, bebildert mit einfachen Zeichnungen und stellenweise schwer zu übersetzen.

Übersetzungen dieses Werkes gibt es:
a) auf japanisch von Tadahiko Ohtsuka
(wortgetreue übersetzung vom Chinesischen ins Japanische)

b) auf französisch von Roland Habersetzer
Habersetzer ist Karate-Lehrer und -Pionier in Frankreich, und einer der ersten Karate-Übenden in Europa. Er war es, der diese Interpretationen des Bubishi nach Europa brachte.

c) auf englisch von George W. Alexander und Ken Portland
Alexander ist amerikanischer Lehrer des Shorin-Ryu und Präsident der International Shorin-Ryu Karate Kobudo Federation. Man nimmt an, daß diese Übersetzung näher am Original steht. Die 48 Kampftechniken im Kapitel 29 sind mit denen, die Kenwa Mabuni veröffentlichte, identisch. Nach Alexander sind sie aus dem Bubishi von Tsuneyoshi Ogura, dem Gründer der Karate-Schule "Gembukai" und Träger des 10. Dan Goju-Ryu, entnommen.

d) auf englisch von Patrick Mc Carthy
Mc Carthy ist ein kanadischer Karatelehrer und Begründer der "International Ryukyu Karate Research Society", die ihren Sitz in Australien hat. Er ist einer der bedeutendsten Geschichtsforscher des klassischen Karate. Die Übersetzung von Mc Carthy ist oft leichter zu verstehen, vielleicht liegt es an dem von ihm hinzugefügten Text, der das Verstehen des Bubishi als ganzes erleichtert.Dieses Werk liegt mir vor.



V. Grundsätzlich sind verschiedene Interpretrationen des Bubishi möglich


-Lebensführung
-Das Prinzip von Hart und Weich (GoJu)
-Dojokun (Dojoregeln)


Ich möchte mich hier den Dojoregeln widmen, welche im Artikel 13 des Bubishi niedergeschrieben wurden.

Dojokun sind Vorschriften eines Karate- oder Kampfkunstübenden, die sich sowohl auf das Verhalten innerhalb als auch außerhalb des Dojo beziehen. Sie schaffen Verbindung zwischen der formalen Technik und der Philosophie des Weges (Do). Sie sind der im Budo-Geist beinhaltete Auftrag, den Weg nicht nur zu verstehen, sondern auch zu leben. Für alle Weg-Übenden ist es wichtig, daß sie, gleich welchen Ranges, ihre eigene Haltung den Dojokun in regelmäßigen Abständen gegenüberstellen.

Die Essenz des ursprünglichen Dojokun ist auch heute in allen Stilrichtungen erhalten geblieben. Sie besteht aus 5 Leitsätzen, die die gesamte geistige Entwicklung eines Übenden auf seinem Weg bestimmt.

Diese 5 Leitsätze sind:

1. Suche nach der Perfektion deines Charakters.
2. Sei aufrichtig, loyal und zuverlässig.
3. Sei achtsam in Deinem Streben.
4. Ehre die Prinzipien der Etikette.
5. Verzichte auf Gewalt.



Obwohl doch alle 5 Grundregeln von gleich großer Bedeutung und Wichtigkeit sind, möchte ich hier auf 3 von ihnen näher eingehen.


1. Suche nach der Perfektion deines Charakters.

Diese Regel bezieht sich auf das Verhältnis des Menschen zu sich selbst. Bemühe Dich darum, nicht nur Deinen Körper zu üben, sondern begegne Deinen inneren Unebenheiten mit derselben Kraft, wie Du im Training lernst, äußere Schwierigkeiten zu überwinden. Die Übung des Körpers wird mit dem Älterwerden ihre Grenze erreichen, der Geist jedoch läßt sich bis zum Tod immer weiter vervollkommnen.

3. Sei achtsam in Deinem Streben.

Diese Regel bezieht sich auf die Verwirklichung des Menschen in seinen persönlichen Lebenszielen. Vermeide jede Form egoistischen Strebens. Überwinde den Egoismus, die Selbstsucht und die Habgier, sei maßvoll im Nehmen und großüügig im Geben. Dränge Dich nicht in den Vordergrund, halte Deine Ansprüche gering und bekenne Dich zur Verantwortung, zur Hilfe und Toleranz.

5. Verzichte auf Gewalt

Diese Regel bezieht sich sowohl auf die notwendige innere Haltung, die menschliches Zusammenleben ermöglicht, als auch die Formung eines menschenwürdigen Charakters. Missbrauche weder das Wissen, noch das Können, das Du Dir während der Übung der Kampfkünste aneignest, für eigennützige Zwecke. Bekenne Dich zur körperlichen und geistigen Gewaltlosigkeit und bemühe Dich in allen Problemsituationen um friedliche Alternativen. Ein Fortgeschrittener in den Kampfkünsten kann anderen Menschen ernsthafte Verletzungen zufügen und ist dann, wenn er seine Fähigkeiten mißbraucht, eine Gefahr für die Gesellschaft und ein menschenunwürdiges Individuum. Meister Funakoshi's Worte Karate ni sente nashi ("Im Karate gibt es keinen Angriff") besagen, daß der Mensch als geistiges Wesen die Fähigkeit besitzt Wege der Gewaltlosigkeit zu finden, wenn er den Situationen mit überwundenem Ich begegnet. Budo ist vor allem eine Kunst der Selbstperfektion, und dazu gehört das richtige Verständnis dieser Regel.



Schlusswort


Es gibt nicht viele Bücher über die Geschichte des Karate, somit bildet das "Bubishi" eine Ausnahme. Sieht man das Bubishi als Ganzes, denke ich, daß es für Kampfküstler des chinesischen Stils aus Südost-China von grötem Interesse sein müßte. Eine historische Referenz eines Ausübenden aus dieser Region. Es wäre bedauerlich, wenn Karate nur als Kampftechnik geübt wird. Die fundamentalen Techniken des Karate sind durch lange Jahre des Übens und des Lernens entwickelt und vervollkommnet worden. Um diese Techniken aber wirkungsvoll anwenden zu können, muß man erkennen lernen, daß diese Kunst der Selbstverteidigung auch eine geistige Einstellung verlangt, der man sich bewußt unterwerfen sollte. Man muß erkennen, daß Karate-Do nur von denen erlernt werden kann, die sich ernsthaft darum bemühen.


Ein Karatelehrer sollte immer bestrebt sein, diese geistige Grundhaltung auch seinen Schülern zu vermitteln.
Er sollte sie "führen" auf ihrem "Weg der leeren Hand".



Thomas Heß


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