Wichtige Stationen im Leben des Gichin Funakoshi
in der Entwicklung des Karate-Do


von Peter Schmid


als Ausarbeitung für die Prüfung zum 1. DAN Karate-Do Mai 2003







Einleitung:



Gichin Funakoshi gilt als Vater des modernen Karate. Er gestaltete den Übergang vom im Geheimen trainierten okinawanischen Te zum Karate-Do für jedermann. Er blieb dem traditionsreichen „wahren Karate-Do“ ein Leben lang treu und war doch ein Vorreiter der Moderne.


Entwicklungsstationen



Kindheit
Welche Ereignisse das Interesse Gichin Funakoshis für Karate geweckt haben, ist unklar, wie auch die Aufnahme von Funakoshi als Schüler von Meister Azato. So ist in der Literatur [1] von einer aktiven Rolle Funakoshis zu lesen, woraufhin er den Meister gebeten habe ihn als Schüler anzunehmen.

Funakoshi hingegen schreibt in seinem Buch „Karate-Do. Mein Weg“: „Es war mein Glück, dass er auf mich aufmerksam wurde und dass ich meine ersten Lektionen in Karate durch ihn erhielt.“[2]

Funakoshi war eine Frühgeburt. Dies und Funakoshis häufiges Kränkeln ließen zur damaligen Zeit den Schluss zu, ihm sei kein langer Lebensweg beschieden. Sich selbst dieser Gegebenheit bewusst, erkannte er nach einigen Jahren des Karate-Übens, dass sich seine Gesundheit wesentlich gebessert hatte, eine Tatsache, die ihn bewog, sein Leben zum Dank der Kunst des Karate-Do zu widmen. Funakoshi schreibt: „Ich genoss Karate; jedoch mehr als das fühlte ich mich wegen meines gebesserten Gesundheitszustandes dieser Kunst zu Dank verpflichtet, und so überlegte ich mir damals zum ersten Mal, Karate-Do zu meinem Lebens-WEG zu machen.“[3]

Diese Bewusstwerdung ist als wichtige Station in der Entwicklung des Karate-Do durch Gichin Funakoshi zu werten.


Karate-Do wird offen
Mit dem „Tokugawa-Dekret“ erlaubte die japanische Regierung im Jahr 1609 dem Satsuma-Clan die Eroberung Okinawas um dieses dafür zu bestrafen, dass es Japan im Krieg gegen China nicht unterstützt hatte.[4] Nachdem dies geschah, beanspruchte der Clan gleichzeitig die Herrschaft der Ryûkyû-Inseln. Die okinawanische Bevölkerung kooperierte aber nicht mit ihren Besatzern, wodurch es zu harten Einschränkungen ihrer Freiheit kam, darunter auch der Erneuerung eines alten Waffentrageverbotes, welches bis zum Beginn der Meiji-Reform („Enlightened Rule“ [5]) im Jahr 1968 dauerte. Dieses sog. „Aufklärungsgesetz“ sollte dem Zweck dienen, das alte traditionsreiche Japan mit Okinawa an moderne westliche Standards anzugleichen. Die während dieser Zeit des Aufschwungs der Kampfkünste streng befolgte Tradition der okinawanischen Karate (Te und Tôde) Meister, ihre Kunst nur im Geheimen an ausgesuchte Schüler, zumeist nahe Verwandte, weiterzugeben, verlor mit dem Liberalismus der Meiji-Reform zunehmend an Wirkung. So hat auch Funakoshi zu dieser Zeit damit begonnen, Karate bei Tage zu üben. Er ging sogar soweit, anlässlich des Besuchs des Schulkommissars Ogawa um 1900 an der Schule, an der er unterrichtete, eine Karatedemonstration durchzuführen. Dieser war von der Präsentation derart angetan, dass er in seinem Bericht an das japanische Kultusministerium diesem empfahl Karate in den Lehrplan der okinawanischen Schulen aufzunehmen. „Als Folge von Ogawas Bericht wurde Karate Teil des Lehrplans der Ersten Präfekturalen Mittelschule und der Allgemeinen Jungenschule.“ [6] Das offizielle Ende der Heimlichkeit war mit der Hilfe von Funakoshis Engagement erreicht.


Besuch des Thronfolgers
Anlässlich einer Europareise besuchte der damalige japanische Thronfolger Kronprinz Hirohito im Jahr 1921 Okinawa. Im Rahmen des Besuchsprogramms sollte dem Prinzen unter anderem eine Karatedemonstration vorgeführt werden. Die Aufgabe diese zu organisieren übertrug man Gichin Funakoshi. „Später erzählte man mir, der Prinz habe gesagt, er wäre von drei Dingen in Okinawa am meisten beeindruckt gewesen: der schönen Landschaft, den Drachengräben am Magischen Brunnen im Schloß von Shuri und von Karate.“[7] Funakoshi war seinem Ziel Karate populär zu machen wieder einen Schritt näher gekommen.


Der Weg nach Nippon
"Es war, wie ich mich erinnere, gegen Ende des Jahres 1921, als das Kultusministerium ankündigte, im folgenden Jahr solle eine Demonstration alter japanischer Kampfkünste in der höheren Mädchenschule (damals in Ochanomizu in Tokio) stattfinden“[8], schreibt Funakoshi. Natürlich wurde auch die Präfektur Okinawa eingeladen ihre Kampfkünste zu demonstrieren. In Okinawa schlug man zunächst Motobu Chôki vor, jedoch war dieser aufgrund seiner ablehnenden Haltung gegenüber Japan sehr umstritten. Nach andauernden Beratungen im Kreis der okinawanischen Meister fiel die Wahl auf Gichin Funakoshi.[9] Bei Funakoshi hingegen ist zu lesen: „[...] und das Erziehungsministerium bat mich, unser einheimisches Karate in der Hauptstadt vorzustellen“.[10] Inwieweit die Entscheidung der Meister die Einladung des Erziehungsministeriums beeinflusst hat ist den zur Verfügung stehenden Quellen nicht zu entnehmen, fest steht hingegen, Funakoshi ging nach Japan um dort okinawanisches Karate vorzustellen. Die Vorführung war ein großer Erfolg.

Was er aber zum damaligen Zeitpunkt nicht ahnen konnte, war die Tatsache, dass er seine Heimat nicht wieder sehen würde und Zeit seines Lebens in Japan damit beschäftigt war das Ansehen und die Verbreitung von Karate-Do zu mehren.


Die Verbreitung
Auf dem Weg, die Verbreitung des Karate-Do voranzutreiben und die Kunst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, fand Funakoshi auch Unterstützung durch Jigoro Kano, dem Begründer des modernen Judo. Dieser bat Funakoshi nach dessen Vorführung beim Kultusministerium noch etwas länger in Japan zu verweilen und einen Vortrag über Karate-Do in Kanos Dojo, dem Kodokan, zu halten.

Weitere Interessierte sprachen Meister Funakoshi an und baten ihn um seine Hilfe auf ihrem Weg des Karate-Do, so auch Hoan Kosugi, Präsident einer Malervereinigung. Er war es auch, der Funakoshi bei seinem ersten Buch unterstützte. Funakoshi begann ihn und die Mitglieder seiner Malergruppe in Karate-Do zu unterrichten. Seine erste Wirkungsstätte in Tokio fand Funakoshi in einem Studentenwohnheim, dem Meisei-juku. Dort wohnte und arbeitete er, wobei er die verschiedensten Aufgaben übernahm. So war er als Wächter, Hausmeister, Gärtner und Putzfrau tätig und konnte den Lernsaal, sofern dieser nicht gebraucht wurde, als Dojo nutzen.

Mit der Zeit kamen immer mehr Schüler in Funakoshis Dojo im Meisei-juku. Auch an mehreren Universitäten wurden Karate-Studiengruppen gegründet. Bald schon war Funakoshi vollends mit dem Training an Universitäten im Dojo und zahlreichen Vorführungen und Vorträgen beschäftigt, so dass er kaum noch Zeit für seine Hilfstätigkeiten im Wohnheim hatte, auch war dies aus finanzieller Sicht nicht mehr notwendig.

Im Jahr 1936 war es Meister Funakoshi dann möglich ein eigenes Dojo zu eröffnen, dessen Bau durch Spenden finanziert wurde. Funakoshis Karate-Do-Freunde tauften es zu Ehren Funakoshis auf den Namen „Shotokan“. Shoto war der Name, den Funakoshi als Pseudonym für die Gedichte seiner Jugendjahre benutzt hatte.

Ein weiteres Verdienst Funakoshis in der Entwicklung des Karate-Do ist dessen Autorentätigkeit. „Nicht lange nachdem ich in Tokyo angekommen war, bat mich Hoan Kosugi, ein Fachbuch über Karate-Do zu schreiben.“ [11] In seinem ersten Werk, das er „Ryukyu-Kempo: Karate“ nannte, beschäftigte er sich vorwiegend mit der praktischen und handwerklichen Anleitung des Karate bzw. seinen 15 Kata, aber auch erste Lehrauffassungen schrieb er nieder.[12] Da die Druckplatten der ersten Auflage 1923 bei einem Erdbeben zerstört wurden, arbeitete Funakoshi schon wenig später an einer neuen Auflage dieses Buches. Mit erneuerten Illustrationen und teilweise mit Fotos ergänzt erschien das Buch 1925 mit dem Titel „Rentan Goshin Karate Jutsu“.[13]

 


In dem im Jahr 1935 von Funakoshi veröffentlichten Buch „Karate-do Kyohan“[14] verwendete er die Schriftzeichen für Karate in einer neuen Weise. Sie konnten nun nicht mehr mit „chinesische Hand“ sondern mit „leere Hand“ übersetzt werden. Funakoshi war der Auffassung, die Bezeichnung „chinesische Hand“ machte die Leute glauben, Karate sei eine Abwandlung der alten chinesischen Boxkunst, war aber der Meinung, das damalige Karate sei sehr verschieden vom chinesischen Boxen: „Dies war der Hauptgrund, warum es schwierig für mich war zu glauben, dass „chinesische Hand“ die korrekte Bezeichnung für jenes Karate war, wie es über die Jahrhunderte entwickelt wurde.“[15] Auch in diesem Buch wurden die 15 Kata beschrieben.

Kurz bevor er starb veröffentlichte Funakoshi ein weiteres Buch, eine Autobiographie, die den Titel „Karate-dô Ichi rô“ [16] trägt. Viele der darin enthaltenen Erlebnisse sollen jedoch nicht korrekt oder nur ungenau wiedergegeben sein, was mit Funakoshis fortgeschrittenem Alter und seinem dadurch verschlechterten Erinnerungsvermögen erklärt wird.[17]

Änderungen
Generell stand Funakoshi notwendigen Veränderungen von je her positiv gegenüber. So war er sich darüber im Klaren, dass mit einer sich ändernden Welt auch die Kampfkünste, das Karate, sich ändern muss und wird und betrachtete diesen Prozess auch als richtig.

Bereits als er in der Hoffnung war, Karate werde in den okinawanischen Lehrplan aufgenommen, macht er sich daran, die Kata zu überarbeiten. Diese sollten für den Unterricht an Schulen so einfach wie möglich gehalten und von den teils gefährlichen Techniken befreit werden.

Durch die zunehmende Anzahl von Schülern, die mit der wachsenden Bekanntheit des Karate bei einem Meister studierten, wurde es notwendig Regeln und Pläne für das Training zu erstellen. So führte Funakoshi zum Beispiel, inspiriert durch das Graduierungssystem des Judo von Jigoro Kano, die Dan und Kyu Grade ein.[18]

Die okinawanische Methode drei Jahre lang nur eine Kata zu üben konnte in Zukunft unmöglich bestehen. Im Zuge dessen stimmte er nach langem Zögern zu, dass zusätzlich zum Kata-Bunkai (üben der Kata in Einzelschritten) noch weitere Formen des Kumite in das Karatetraining einflossen. So entstanden Schritt für Schritt das Gohon-kumite, das Sanbon-kumite, das Kihon ippon-kumite, das Jiyû ippon-kumite und schließlich das Jiyû-kumite.[19]


Bewahrung
Meister Funakoshi kannte den außerordentlichen Umfang des Okinawa-te besser als jeder andere und war sich des Prinzips der Unantastbarkeit des Hauptsystems bewusst.[20] So suchte Funakoshi lange Zeit nach einem Unterrichtssystem, das den Zugang zum Karate als Ganzem (Körper und Geist) auch in Zukunft sicherstellen sollte.[21] Zu diesem Zweck postulierte er über die Jahre 20 Leitsätze, die in Tabelle 1 dargestellt sind. Neben der rein körperlichen Übung war in der traditionellen Lehre Funakoshis das Streben nach menschlichen Idealen von großer Wichtigkeit. Dies war ein Grund, weshalb ihn viele seiner Schüler verließen, die im Streben nach edlem Charakter keine Bedeutung beimaßen. [22]

1

Vergiss nicht, dass die Leere Hand mit einem respektvollen Gruß beginnt und mit einem respektvollen Gruß endet

 

11

Die Leere Hand ist wie heißes Wasser, wenn man diesem nicht unaufhörlich Hitze zuführt, wird es wieder kalt

         

2

Bei der Leeren Hand gibt es kein Zuvorkommen

 

12

Denke nicht an das Siegen; notwendig ist, nicht an das Verlieren zu denken

         

3

Die Leere Hand unterstützt die Gerechtigkeit

 

 

13

Wandle dich, abhängig vom Feind

 

         

4

Zuerst erkenne dich Selbst, dann den anderen

 

14

Der Kampf hängt davon ab, wie man Stärken und Schwächen handhabt

         

5

Die Kunst des Herzens kommt vor der Technik

 

15

Betrachte die Arme und Beine des Menschen als Schwerter

         

6

Es ist notwendig, das Herz freizumachen

 

16

Wenn ein Knabe durch das Tor hinausgeht, hat er hundert mal zehntausend Feinde>

         

7

Unheil entsteht aus Nachlässigkeit

 

 

17

Das Einnehmen der Haltung gibt es beim Anfänger, danach folgt der natürliche Körper

 

         

8

Denke nicht nur im Übungsort des Weges an die Leere Hand

 

18

Übe die Formen korrekt, im wirklichen Kampf ist das eine andere Sache

         

9

Die Übung der Leeren Hand geht ein Leben lang

 

19

Vergiss nicht die Stärke und die Schwäche der Kraft, das Ausdehnen und das Zusammenziehen des Körpers sowie die Langsamkeit und Schnelligkeit der Technik

         

10

Lass auf alles die Leere Hand einwirken, darin liegt der geheimnisvolle Reiz

 

20

Denke immer nach, und arbeite beständig an deiner Vervollkommnung


Tabelle 1: Die zwanzig Leitsätze der Leeren Hand [23]



Auch war Funakoshi der Auffassung, dass Karate „eine Einheit“ sei. So vertrat er stets die Meinung, die Gründung neuer Stile sei unnötig. In Okinawa unterschied man das Te lediglich nach den Wohnorten der Meister in Shuri-, Tomari- und Naha-te.

Die Unantastbarkeit des Hauptsystems war im heilig, er, der dreißig Jahre lang Karate von Meistern des Shuri-Te uns des Tomari-Te gelernt hatte, dachte nicht daran sich davon zu entfernen oder es durch seine persönliche Auffassung zu ersetzen.[24]


Schluss
Bereits zu Funakoshis Lebzeiten entwickelten sich Karate-Strömungen, die vom Do, dem Weg als höheres Ziel im Karate, nichts wissen wollten, und so die Versportlichung der Kunst hin zum Wettkampf-Karate vorantrieben. Shigeru Egami als geistiger Nachfolger Funakoshis blieb mit anderen dem Karate-Do treu. Sie sahen, dass es dem Wettkampfkarate an Entscheidendem mangelte: Realität und der Achtung vor dem Partner, Grundprinzipien des „Wahren Karate“.[25]



Quellenangaben:

[1] Karzau, Julia: Große Budo Meister. Jigoro Kano, Gichin Funakoshi, Morihei Ueshiba. Berlin, 1999. S. 88.
[2] Funakoshi, Gichin: Karate-Do. Mein Weg. Weidenthal, 1983. S. 19.
[3] Funakoshi, 1983, S. 20.
[4] Lind, Werner: Ostasiatische Kampfkünste. Das Lexikon. Berlin, 1996. S. 658.
[5] Green, Bruce D.: Gichin Funakoshi. More than a Great Master. A Modern Pioneer in the Martial Arts.1992. http://www.iskf.com/spotlight/b_green.htm
[6] Funakoshi, 1983, S. 59.
[7] Funakoshi, 1983, S. 59.
[8] Funakoshi, 1983, S. 85.
[9] Lind, 1996, S. 239.
[10] Funakoshi, 1983, S. 85.
[11] Funakoshi, 1983, S. 92.
[12] Bittmann, Heiko: Die Lehre des Karatedô. Ludwigsburg, 2000. S. 52.
[13] Karzau, 1999, S. 120.
[14] Karzau, 1999, S. 120.
[15] Funakoshi, 1983, S. 50.
[16] Karzau, 1999, S. 121.
[17] Karzau, 1999, S. 121.
[18] Funakoshi, 1983, S. 100.
[19] Lind, 1996, S. 791.
[20] Lind, 1996, S. 791.
[21] Lind, 1996, S. 791.
[22] Karzau, 1999, S. 117.
[23] Bittmann, 2000, S. 71.
[24] Karzau, 1999, S. 106.
[25] Haumüller, Thomas: „Geschichte des Shotokan-Karate-Do“. in: Haumüller, Thomas / Wimmer, Wolfgang: Prüfungsprogramme Shotokan-Karate-Do, Aiki-Jitsu, Iai-Do, (ohne Jahr) S. 17.

 


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