Die 47 Ronin
wahre Samurai, die dem Bushido folgten?

Autor: Simone Sombray

Die 47 Ronin – wahre Samurai, die dem Bushido folgten? Um diese Frage zu erörtern, müssen zunächst einige Begrifflichkeiten geklärt werden.


Samurai

Samurai sind eine Kriegerkaste – vergleichbar den Rittern im europäischen Kulturkreis des Mittelalters -, die sich über mehrere Jahrhunderte zu einer elitären und machtvollen Schicht der japanischen Gesellschaft entwickelte. Dieser Prozess führte zum Shogunat, in dem der Kaiser als Oberhaupt des Landes abgelöst wurde und nur noch repräsentative Zwecke erfüllte. Die eigentliche Macht lag in den Händen des Shoguns.

Zum Samurai wurde man einerseits geboren, nämlich durch entsprechende Abstammung aus einer edlen Familie, und andererseits erzogen. Diese harte Erziehung begann schon im frühen Kindesalter und hielt sich an strenge Grundsätze, die auch das Leben des Erwachsenen noch prägten. Aus diesen Grundsätzen heraus entwickelte sich im Laufe der Zeit ein manifestierter Ehrenkodex, der meistens in einem Atemzug mit den Samurai genannt wird.


Das Bushido

Bushido setzt sich aus zwei japanischen Schriftzeichen zusammen, nämlich "bushi", wörtlich übersetzt "der Krieger" und "do" - "der geistige Weg". Zusammengenommen also: "der Weg des Kriegers".

Die inhaltliche Bedeutung dieses Begriffes ist viel mehr als das. Für einen Samurai bedeutet Bushido absolute Einhaltung folgender Grundtugenden: Gerechtigkeit, Ehrenhaftigkeit, Mut, Geduld, Aufrichtigkeit, absolute Loyalität gegenüber dem direkten Vorgesetzten (meist dem sogenannten Daimyo), Respekt, Verteidigung der Ehre des Namens und des Clans. Diese Prinzipien beeinflussen das japanische Volk noch bis in die heutige Zeit.


Ronin

Verlor ein Samurai aus unterschiedlichen Gründen seinen Herrn, wurde er zum Ehren- und Mittellosen ohne Heimat – ein Ronin, der sich selbst durchschlagen musste, so zum Beispiel als Söldner, Händler ,Handwerker oder ähnliches.

Eine der berühmtesten Geschichten über diese abtrünnigen Samurai rankt sich um die

47 Ronin


Diese Legende nimmt ihren Anfang zu Beginn des Jahres 1701 unter dem Shogunat von Tokugawa Tsuneyoshi, als der damalige Kaiser Boten an den Hof des Shoguns in Edo schickte. Die höfische Etikette schrieb vor, dass diese kaiserlichen Abgesandten nach einem bestimmten Zeremoniell und mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen und unterhalten werden mussten. Für diese Aufgabe hatte der Shogun mehrere Daimyos vom Lande ausersehen, die in diesen höchst komplizierten höfischen Gepflogenheiten nicht sehr firm waren. Einer dieser Daimyos war Asano Naganori (1667 bis 1701), ein jugendlicher Heißsporn aus Ako, in der Provinz Harima.

Um diese Daimyos in die Zeremonien einzuführen und schlechtes Benehmen gegenüber den Höflingen zu vermeiden, engagierte der Shogun Tokugawa einen weiteren Daimyo, Kira Yoshinaka, einen Experten in höfischer Etikette. Kira wird als habgieriger und boshafter Mensch beschrieben. Für seine Dienste erwartete er von den jungen Daimyos teure und zahlreiche Geschenke für seine Mühe. Asano hingegen hielt die Unterweisungen für Kiras Pflicht, und ließ ihm nur kleine Aufmerksamkeiten zukommen, die dessen Habgier nicht befriedigten. Aus diesem Hintergrund heraus begann Kira während des Wochen dauernden Unterrichts Asano stetig zu provozieren und zu beleidigen.

Irgendwann konnte Asano nicht mehr an sich halten, zog sein Kurzschwert und fügte Kira einen oberflächlichen Kratzer an der Stirn zu. Am Hof des Shoguns eine Waffe zu ziehen und das noch dazu gegen einen seiner eigenen Leute war ein schweres Verbrechen, das der Shogun nicht ungestraft lassen konnte. Er verurteilte Asano zum Tod durch Seppuku, einer rituellen Selbsttötung. Sein Hab und Gut wurde konfisziert, seine Frau schor sich die Haare und wurde Nonne, seine Samurai wurden zu mittellosen Ronin.

Einige Ronin, 47 an der Zahl, versammelten sich auf die Initiative von Oishi Kuranosuke, mit dem Plan, den Tod ihres Herrn zu rächen und Kira umzubringen, um damit die Ehre ihres Herrn und auch ihre Eigene wiederherzustellen. Da Kira ahnte, dass die Anhänger Asanos derartiges im Schilde führten, verstärkte er seine Leibgarde und ließ die Ronin beobachten. Um ihn in Sicherheit zu wiegen, zerstreuten sich die Ronin in alle Himmelsrichtungen, wurden Kaufleute, Tagediebe und Söldner. Oishi trieb es soweit, dass er zum stadtbekannten Trunkenbold wurde, sich scheiden ließ und seine Zeit mit käuflichen Frauen verbrachte. Als einer der Spione Kiras ihn betrunken im Strassengraben liegen sah, beschimpfte er sein Verhalten als einem Samurai unwürdig, bespuckte ihn und meldete diesen Zwischenfall seinem Herrn, woraufhin Kira sich in Sicherheit wiegte, seine Bewachung zusehens lockerte und schließlich ganz aufgab.

In der Nacht des 14. Dezember 1702, also fast zwei Jahre später, scharte Oishi die 47 Ronin um sich und plante den Angriff auf Kiras Burg. Sie griffen das Anwesen zeitgleich, koordiniert durch ein Trommelzeichen, von der Vorder- und Rückseite aus an. Obwohl sich Kiras Anhänger tapfer zur Wehr setzten, wurden angeblich alle überwältigt, wohingegen die Ronin selbst der Legende nach nur einen Mann verloren.

Kira war allerdings in der Zwischenzeit geflüchtet und versteckte sich feige mit seinen Frauen ohne zu kämpfen in einer Kammer, die mittels einer Geheimtür mit seinem Schlafzimmer verbunden war. Nachdem sie ihn nach langer Suche aufgespürt hatten, forderten sie ihn zunächst aus Rücksicht auf seine Stellung auf, ebenfalls ehrenvoll den Tod durch Seppuku zu finden. Da Kira nicht reagierte, schlug ihm Oishi mit dem selben Kurzschwert, mit dem ihn Asano verletzt hatte, den Kopf ab.

In einem Korb trugen sie Kiras Kopf zu Asanos Ruhestätte in Sengaku-Ji, wuschen ihn und legten ihn als Opfergabe auf das Grab ihres Herrn, um seine Ehre wiederherzustellen und zu zeigen, dass damit ihr letzter Auftrag erledigt war. Dann lieferten sie sich freiwillig den Behörden aus. Obwohl der Shogun Sympathie und Verständnis für die Tat der Ronin hatte, steckte er in einem Dilemma. Sie hatten gegen ein weltliches Gesetz verstoßen. Er verurteilte sie zu Seppuku, das heißt sie mussten sterben, aber ehrenvoll – als Krieger. Zu dieser Zeit war der älteste dieser Samurai 77, der Jüngste 16 Jahre alt. Sie wurden neben ihrem Herrn begraben. Noch heute sind in der Sengaku-Ji-Tempelanlage in Tokyo ihre Grabstätten und sogar die Quelle, in der der Kopf Kiras gewaschen wurde zu sehen. Jährlich besuchen viele tausend Japaner diese Ruhestätte, um den heldenhaften Ronin und ihrem Herrn Ehre und Respekt zu erweisen und ihrer durch Gebete und das Entzünden von Räucherwerk zu gedenken. Außerdem inspirierte diese Geschichte den Kabuki-Autor Chikamatsu zu einem sehr berühmten Stück namens "Chushin-gura", das bis in die heutige Zeit mit großem Erfolg an japanischen Theatern gespielt wird.


Das Grab der Ronin
Bildquelle: Tales of old Japan, A.B. Mitford, erschienen: Charles E. Tuttle Company



In Anbetracht dieser Geschichte lässt sich die Frage, ob die 47 Ronin wahre Samurai waren, die dem Bushido folgten, nur mit einem eindeutigen Ja beantworten. Der Grundsatz "absolute Loyalität gegenüber dem direkten Vorgesetzten" und "Verteidigung der Ehre des Namens und des Clans" wurde in vollstem Umfang Genüge getan. Im Dilemma des Shogun zeigt sich aber auch die Spannung zwischen Bushido und weltlicher Gesetzgebung, die sich wohl auch den meisten Lesern dieser Geschichte erschließt. Es war nicht immer möglich, beiden gerecht zu werden. Diese Frage stellte sich den Ronin aber nicht, sie folgten strikt Ihrem Ehrenkodex, wohlwissend, dass sie diese Tat mit Ihrem Leben bezahlen würden. Darin zeigt sich auch, wie wichtig das Bushido für diese Samurai war. Sie brachten die Geduld auf, lange genug zu warten, bis sie sicher waren, dass Ihr Plan mit Erfolg gekrönt sein wird, trennten sich von ihren Familien, nahmen öffentlichen Ehrverlust in Kauf und opferten vor allen Dingen ihr höchstes Gut, um die Ehre ihres Herrn wiederherzustellen – ihr Leben.

Der Weg des Kriegers in seiner Reinform.



Literaturnachweis:

Harry Cook "Samurai - The Story of a Warrior Tradition"

A.B. Mitford "Tales of old Japan"

Wolfgang Wimmer "Streifzug durch die traditionellen Budokünste"

Bernd Hinträger "Aufstieg und Niedergang der Samurai"

Harald Westrich "Bushido – Der Weg des Kriegers"

www.bushido-vak.de

www.japan-guide.com

www.daigaku.de





Autor: Simone Sombray




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